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Sonntag, 21. November 2010

Gewaltsignale unserer Zeit (01)





Christian Buschan MSc
Mitbegründer der
VITAO ALPEN AKADEMIE
Artikelserie
Gewalt, ein altes neues Phänomen
Annäherung an einen Schatten





Wie geht's, wie steht's?

Die kollektive Neurose der Gegenwart ist durch vier typische Symptome gekennzeichnet: Provisorische Daseinshaltung, fatalistische Lebenseinstellung, kollektivistisches Denken und Fanatismus. Die beiden ersten Symptome sind stärker ausgeprägt in der westlichen Welt, die beiden letzten deutlicher in der östlichen. Alle vier Symptome gründen auf der Flucht vor Verantwortung und auf der Scheu vor wirklicher Freiheit. Freiheit nicht von etwas, sondern Freiheit zu etwas.

Der gegenwärtige Nihilismus ("Null Bock auf nichts") breiter Bevölkerungskreise gefährdet die seelische Hygiene vieler Menschen zusätzlich. Diese existentielle Frustration und der allgemeine Mangel an Sinn haben ihre Wurzeln im gleichzeitig fortschreitenden Instinkt- und Traditionsverlust. Sie manifestieren sich in Form von Langeweile und Gleichgültigkeit. Langeweile bedeutet Verlust an Interesse – zum Beispiel an der sozialen Umwelt. Gleichgültigkeit bedeutet Mangel an Initiative – beispielsweise an der Initiative, persönlich und mit legalen und wirkungsvollen Mitteln an der konkreten Lebenswelt etwas zu verbessern.

Ursachen und Faszination der Gewalt
"Der Mensch ist eine domestizierte Bestie". Mit diesen Worten pflegte unser Lehrer für Humanbiologie am Berner Institut für Rechtsmedizin seine Vorlesung über das Wesen des Menschen zu eröffnen. Viele halten es in unserer verzärtelten Kultur nicht mehr aus, sich die Rückseite der Medaille anzusehen, auf deren Vorderseite die so genannte Krone der Schöpfung prangt.

Um das Entstehen von Gewalt besser zu verstehen, kommen wir nicht darum herum, uns mit dieser dunklen Rückseite, mit dem Schatten des Menschen zu beschäftigen. Und dabei auch und vor allem mit unserem eigenen! Damit eines ganz klar ist: Nach Ursachen für Gewalt zu suchen, um die Entwicklung von Gewalt zu begreifen, darf niemals heißen, Gewalt zu billigen! Und: Wir können das Böse im Menschen verabscheuen, ja hassen, ohne gleich den ganzen Menschen hassen zu müssen. Wir sind umgeben von stillen und lauten Aufrufen zur Gewalt – auch gegen Helfende. Wir kennen die Szenesprüche und Graffitis in- und auswendig. Was ist eigentlich daran so faszinierend? Gewaltanwendung erfüllt zwei zentrale Forderungen der Moderne: Sie führt rasch zum Erfolg und sie bleibt oberflächlich. Wenn z. B. Polizisten oder Sozialarbeiter Jugendliche nach den Gründen für ihre Gewalttaten befragen, antworten diese oft mit der Frage "warum nicht?". Oder sie sagen, es sei einfach nichts dagewesen, was dagegen gesprochen hätte.

Wo vielen alles sinnlos erscheint, gibt es scheinbar keine Gegenargumente mehr gegen Gewalt. Breite Kreise der Bevölkerung unterschätzen aus Unkenntnis, Hilflosigkeit oder Angst das Problem der massiven Zuwanderung von Menschen aus aller Herren Länder. Mit der Migration und mit dem Anwachsen der multikulturellen Gesellschaft wird neben vielen kulturellen Bereicherungen auch Gewaltkriminalität importiert. Dies vor allem aus Ländern, in denen unsere Vorstellungen von Demokratie und von einem geordneten, verantwortungsvollen, gewaltfreien gesellschaftlichen Zusammenleben wenig oder nichts gelten.

Eine wachsende Zahl frustrierter Demokratiemüder scheint diese Entwicklung zu missbrauchen: Gewaltbereitere Menschen aus dem Ausland sollen stellvertretend eine Bresche hauen für das rücksichtslose Durchsetzen egoistischer Ideale oder fragwürdiger politischer Absichten. Eigenes Versagen in Schule, Ausbildung, Beruf, Familie und Gesellschaft kann leicht versteckt werden hinter der durch importierte Gewaltkriminalität massiv verstärkten Rechtsunsicherheit und im Chaos des Multikulti-Mischmaschs. Alles ist nun plötzlich möglich, irgendwie geil, gut und schön. Was Fremden durchgelassen wird, wollen plötzlich alle dürfen, ordnende oder bremsende Stimmen und Institutionen werden gezielt lächerlich gemacht, durch eine Flut überrissener Ansprüche gelähmt und ausgesaugt und damit in ihrer Wirksamkeit mehr oder weniger planmäßig untergraben. Man darf vermuten, dass die Rechtsprechung auch aus gesellschaftspolitischen Gründen verunsichert ist und deswegen den konsequenten Vollzug geltender Gesetze nicht mehr oder viel zu zögerlich durchsetzt.

Das alles verbindende Opfergefühl ist mehr als alles andere der Stoff, aus dem sich besonders der rechte bis rechtsextreme Lifestyle speist. Die Medienpräsenz ist auch bei "den Rechten" bereits zur Droge geworden – und dem muss öffentlich entgegengewirkt werden, vor allem bei den Medien. Die Rechten sollen nicht bekehrt, sondern das Menschliche und das Demokratische in ihnen und um sie herum soll gefördert werden. Die zivilen Kräfte der Gesellschaft müssen gestärkt werden. Die Zivilgesellschaft muss also nicht nur erreicht, sondern langfristig auch gesichert werden. Damit sich die Züge einer stärker selbst bestimmten politischen Kultur entwickeln können, muss auch die Polizei mehr Flagge und Profil zeigen. Aber nicht im Sinne von ”high noon”, sondern sinnvoll. Polizeiliche Intervention ist letztlich nur sinnvoll, wenn sie gesellschaftlich gewollt wird. Wenn Polizisten wegschauen, dann tun sie das oft auf Grund eines unausgesprochenen gesellschaftlichen Konsens‘, der sich auf die Strategie des geringsten Widerstandes stützt.